Willy Reichert   Die unbekannte Seite


 
 

Souverän beherrscht der oberbayerische Maler Willy Reichert in seinen Landschaften und Städteansichten die Kunst der komplexen Komposition. Der weit über die Region hinaus bekannte Künstler vereint Tradition und Moderne in einem interessanten Spannungsverhältnis. Eine andere Seite aber in seinem kreativen Schaffen ist der Öffentlichkeit bisher unbekannt geblieben. Seit Jahren arbeitet er an einem umfangreichen figürlichen Werk, in dem seine handwerklichen und künstlerischen Inspirationen zwar ebenso zum Tragen kommen, die sich aber mit Menschenbildern befassen. Dem Galeristen, Autor.und Verleger Johannes Klinger ist es zu verdanken, dass diese bislang ungezeigten Bilder nun zu sehen sind. Auf den ersten. Blick erscheinen da Portraits hübscher Frauen "nur" gefällig, näheres Sich- Einlassen offenbart dem Betrachter aber Details in der Bildgestaltung mit Buchstaben, Zeichen und geheimnisvollen Codierungen. Ästhetisch sind die Akte, und raffiniert sind sie auf der Leinwand in "Szene" gesetzt. Da tauchen Silhouetten, Torsi, gesiechter fragmentarisch aus farbiger Fläche auf oder auch darin ein oder schimmern. durch Übermalungen. "Der Rückenakt Apolls, schwach von einer Glühbirne beleuchtet..." - müßig, zu überlegen, was sich der Künstler beim Malen dieses Bildes wohl gedacht haben mag. Geht einem Gott in Menschengestalt ein Licht auf und das hinter seinem Rücken? Interpretationen können Spaß machen und erlauben, ganze Geschichten aus den "Ansichten" zu lesen und möglicherweise dabei zu Einsichten zu gelangen. "Eine Frau und ihr Spiegelbild" kann uns viel über eigene Empfindungen mitteilen, Unbewusstes begreiflich werden lassen. Jedes Bild beinhaltet stets nötige Freiräume für Assoziationen, wie sie der Künstler braucht, und die den Betrachter auf Entdeckungsreise zu Befindlichkeiten und Gefühlen führen. Erotik und Sehnsüchte, Ängste und Verletzlichkeiten werden sicht-, werden spürbar.
Wohl dosierte Hängung der Bilder lässt diese atmen, die anspruchsvollen Galerieräume optimieren die Präsentation. Die Galerie Johannes Klinger in Aschau bestätigt mit dieser Ausstellung ihr Niveau und empfiehlt sich als lohnenswertes Besuchsziel für Kunstliebhaber.

Margrit Jacobi OVB Kultur 2.11.06